Das wilde Tier in uns. Interview mit Jeff Mannes


Jeff Mannes ist geboren und aufgewachsen in Luxemburg und studierte Soziologie, Philosophie und Gender Studies.
Er ist Mitbegründer der Vegan Society Luxemburg und lebt in Berlin.
Du engagierst dich in den verschiedensten Bereichen. Vom Feminismus über die HIV-Prävention bis hin zu den Tierrechten. Wie kam es dazu und hängen diese Themen zusammen?

Als Kind war ich in der Grundschule Opfer von Mobbing und Prügeleien. Öfter hatte ich Prellungen und einmal eine leichte Gehirnerschütterung. Was ich aber am meisten aus der Zeit mitgenommen habe, war, dass Lehrkräfte bewusst weggesehen oder es heruntergespielt haben. Ich habe mir damals geschworen, dass ich nicht wegsehen werde, wenn ich Ungerechtigkeiten beobachte. Nun habe ich seitdem auch schon wieder etwas Wasser in meinen Wein schütten müssen. Es gibt so viele Formen von Diskriminierung und Unterdrückung, die auf struktureller und institutioneller Ebene stark in der westlichen Gesellschaft eingebettet sind. Zudem sind die Formen gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismen oft überaus komplex und miteinander verwoben, so dass es meist keine einfachen Antworten gibt. Die Grundüberzeugung blieb aber bis heute.

Zusätzlich war ich bereits als Kind sozusagen „fasziniert“ vom Holocaust. Ich erinnere mich noch, dass ich noch ganz jung im Fernsehen eine Doku über die KZs sah und mich das absolut verständnislos zurückließ. Ich wollte verstehen, wie es dazu kommen konnte. Weder meine Eltern noch später der Geschichtsunterricht konnten mir dazu aber annähernd zufriedenstellende Informationen liefern. Ob es jemals komplett begreifbar ist, wage ich zu bezweifeln. Aber als ich anfing, einige Passagen der Philosophin Hannah Arendt zu lesen, wurde es zumindest ein wenig klarer.

Ein weiterer einflussreicher Abschnitt in meiner Biographie war mein Outing als schwul und das danach einsetzende Interesse an den Mechanismen von Homophobie. Zugleich begann ich mich mit 16 intensiv für Sexualwissenschaften zu interessieren. Der letzte große und einschneidende Moment war der Beginn meines Studiums der Soziologie. Vor allem die Überschneidungen mit Human-Animal-Studies, sowie Gender, Postcolonial und Queer Studies, aber auch meine Arbeit für die sozialpsychologische Organisation „Beyond Carnism“ stimulierten mich weit über alles jemals Gedachte hinaus. Ich fing an, zu begreifen, wie gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen funktionieren.

Der gemeinsame Kern von Diskriminierung, Unterdrückung und Stigmatisierung

Das Interessante dabei ist, dass alle Formen von Diskriminierung, Unterdrückung und Stigmatisierung äußerst unterschiedlich und sogar einzigartig sein können – in Intensität, im Ausdruck, in der Institutionalisierung, in der Erfahrung der Opfer usw., aber dennoch teilen sie fast alle einen gemeinsamen Kern. Insofern sind sie auch alle – auf die eine oder andere Art – miteinander verwoben. Sozialisierung, diskursiv hergestellte Machtstrukturen oder Konstruktion von „Natürlichkeit“: All diese Theorien liefern – teils zusammen mit umfassenden Studien – Erklärungen für unterschiedliche Gewaltsysteme, sei es sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen, tödliche Gewalt gegen Trans* und intersexuelle Menschen, die Kriminalisierung von Menschen mit HIV, Sex-Negativität oder auch die milliardenfache Schlachtung nichtmenschlicher Tiere. Selbst der Holocaust, auch wenn es schwierig ist, dies vor allem in linken Bewegungen in Deutschland zu sagen, lässt sich durch die gleichen Theorien teilweise erklären und verstehen. In anderen Ländern ist mensch in der Holocaustforschung teilweise weiter als hier. Interessanterweise sind die meisten Menschen in Deutschland auch eher bereit, dies zu hören, wenn ihnen klar wird, dass ich nicht – wie oft angenommen – ein heterosexueller Deutscher, sondern ein schwuler Luxemburger bin (und damit gleich zu zwei Opfergruppen des nationalsozialistischen Deutschlands gehöre).

Du warst für das Projekt „Beyond Carnism“ sehr aktiv. Welche Erfahrungen hast du in dieser Zeit gemacht?

Meine Zeit bei „Beyond Carnism“ war einer der Schlüsselmomente meines bisherigen Lebens. Ich habe unglaublich viel in der Zeit gelernt. Nicht nur im Detail, wie die Unterdrückung nichtmenschlicher Tiere durch Menschen ermöglicht wird, sondern auch Diskriminierung und Unterdrückung unter den Menschen selbst. Schließlich habe ich dann auch meine Bachelor-Arbeit über die soziale Konstruktion des Fleischkonsums und die Formierung des Karnismus-Habitus geschrieben und war sehr erfreut, als diese im Soziologiemagazin veröffentlicht wurde.