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Human-Animals Studies und Queeraktivismus. Interview mit Swetlana Hildebrandt

January 11, 2018

 

 

 

Viel verändert sich im Forschungsgebiet der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Auch dank Swetlana Hildebrandt, die mit Kolleg_innen vor fünf Jahren ein Sammelband zu diesem Thema herausgebracht hatte. 

Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Bestellbar hier: http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-1824-2/human-animal-studies

 

 

 

Auf Swetlana wurde ich persönlich aufmerksam, als sie für das Tierrechtsmagazin "Tierbefreiung" einen interessanten Artikel unter dem Titel "1, 2, 3, 4, viele vegane CSDs" geschrieben hatte. 

 

Weitere interessante Beiträge zu diesen Themen findest du in diesem Interview mit ihr. 

 

Du arbeitest im Forschungsfeld der Human-Animal Studies. Worum geht es hierbei?

 

Die Human-Animal Studies (HAS) oder Animal Studies sind ein im deutschsprachigen Raum noch sehr junges und nach wie vor recht unbekanntes Forschungsfeld. Bei den HAS geht es darum die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren als gesellschaftliche Verhältnisse zu untersuchen. Grundlegend ist dabei die These, dass die Art und Weise wie wir Menschen auf Tiere blicken und mit ihnen umgehen, zu aller erst durch unser kulturelles, gesellschaftliches und ökonomisches Umfeld beeinflusst ist. Daran anschließend sind Tiere nicht rein der Sphäre der Natur zuzurechnen und entsprechend zu untersuchen und zu behandeln. Viel mehr werden sie in den Animal Studies als handelnde Subjekte betrachtet, die beispielsweise ihre eigene Geschichte produzieren, Widerstand leisten oder auch ihre eigenen Kulturen besitzen.

Die HAS begreifen sich als ein interdisziplinäres  Forschungsfeld und sind insofern nicht nur in den Geisteswissenschaften zu verorten, auch wenn ein Großteil der Veröffentlichungen in diesem Bereich eher den Geistes- und Sozialwissenschaften zugerechnet werden kann. Den HAS geht es explizit darum in die Naturwissenschaften zu intervenieren, beziehungsweise anzuregen ihre Perspektive auf Tiere zu hinterfragen,  sowie ihre Forschungsschwerpunkte speziessensibler zu gestalten.

 

Was hat sich die letzten 5 Jahre in diesem Forschungsgebiet verändert?

 

So einiges, aber noch nicht genug. Das Feld ist sicherlich bekannter geworden und es gibt wesentlich mehr Publikationen zu dem Thema als noch vor 5 Jahren. Transcript hat seit einigen Jahren beispielsweise eine Publikationsreihe zum Thema Human-Animal Studies. Sicherlich war der Sammelband, den ich vor 5 Jahren zusammen mit meinem Chimaira-Arbeitskreis für Human-Animal Studies (http://www.chimaira-ak.org/) veröffentlicht habe, dafür ein wichtiger Meilenstein.

Positiv ist sicherlich auch, dass die Vernetzung im europäischen Raum zunehmend besser funktioniert. Neben der alle zwei Jahre stattfindenden Critical Human-Animal Studies Conference, gibt es nun auch ein europäisches Forschungsnetzwerk (http://www.eacas.eu/). Auch wenn es im deutschsprachigen Raum schon Lehrstühle mit Human-Animal Studies - Bezug gibt, wie beispielsweise in Kassel oder Nürnberg, fehlt es nach wie vor an einer Professur in diesem Bereich, oder auch an einem eigenen Studiengang. Insgesamt führt das Feld aber immer noch ein Schattendasein, auch wenn es in den letzten Jahren in den Geistes- und Kulturwissenschaften zunehmend populärer geworden ist „was mit Tieren zu machen“.

Aus meiner Perspektive ist HAS aber eben nicht nur „was mit Tieren“, sondern viel eher ein Forschungsfeld, welches unser Verhältnis zu Tieren grundlegend kritisch hinterfragt und mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in eine Beziehung setzt. Insofern hat sich das Feld ausdifferenziert und es ist eine Unterteilung in eher kritische HAS und eher deskriptive Cultural Animal Studies zu beobachten.

 

Was sind die Unterschiede zwischen Veganismus, der Tierrechtsbewegung und der Tierbefreiungsbewegung?

 

Veganismus ist aus meiner Perspektive eine Ernährungsform, bei der vollständig auf Produkte tierlichen [1] Ursprungs, verzichtet wird. Eine vegane Lebensweise bedeutet oft auch die eigene Lebenspraxis über die Ernährung hinaus möglichst speziessensibel zu gestalten; also beispielsweise auf Leder, Wolle oder Fell zu verzichten. Für mich persönlich gehört ein bewusstes Achten auf biologische und nachhaltig (also ressourcen- und umweltschonend) produzierte Lebensmittel und Produkte auch dazu. Schließlich werden bei der konventionellen Landwirtschaft zum Beispiel durch den Einsatz von Pestiziden systematisch Tiere getötet und ebenso angrenzende Lebensräume anderer Tiere zerstört.

Die Tierrechtsbewegung setzt sich für eine juristische und gesamtgesellschaftliche Aufwertung von Tieren ein. Dabei geht es vor allem um die Idee, dass Tieren, ähnlich wie Menschen, basale Grundrechte zustehen. Schließlich werden Tiere vom Recht her in den meisten Ländern als Gegenstände behandelt.

Der Tierbefreiungsbewegung geht es um die Befreiung aller Tiere aus der Herrschaft und Unterdrückung von Menschen. Dies kann für diese Bewegung nur realisiert werden, wenn auch die Menschen-unterdrückenden Verhältnisse wie Kapitalismus, Rassismus und Sexismus überwunden werden.

 

Wie wichtig ist das Thema der Intersektionalität, um die Tierrechtsbewegung größer zu machen?

 

Sehr wichtig. In dem radikaleren Teil der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung kursiert schon seit den Neunzigern die Idee der Unity of Opression, also dass Unterdrückungsmechanismen wie Sexismus, Rassismus, Klassismus und eben auch Speziesismus einander ähneln, miteinander verbunden sind und daher auch gemeinsam bekämpft werden müssen. Trotzdem arbeiten die gegen diese Unterdrückungsformen kämpfenden sozialen Bewegungen nach wie vor recht wenig zusammen. Und es gibt nach wie vor in bspw. queeren Kreisen Unverständnis darüber, warum Menschen oder Queers sich entscheiden Vegan zu leben. Auch in antirassistischen Kreisen kommt es diesbezüglich immer wieder zu Konflikten. Allerdings beobachte ich seit längerem, dass gerade in der autonomen Umwelt- und Klimabewegung gemeinsam gegen den Klimawandel und Tierausbeutung gekämpft wird. Schließlich ist die Nutztierhaltung je nach Studie zu 20 bis 35 Prozent am Klimawandel beteiligt.

 

Als der CSD Freiburg im Jahr 2015 ein rein veganes Catering ankündigte, war der Aufschrei riesig. Du hast dieses Jahr dann eine Veranstaltung zu diesem Thema gemacht. Wie war das Feedback?

 

Durchwegs positiv. Ich vermute das lag vor allem daran, dass bei meiner Veranstaltung vornehmlich Menschen waren, die dem Thema offen gegenüberstanden. Allerdings hat sich auch in den letzten zwei Jahren ziemlich viel getan, was die Akzeptanz der veganen Ernährung angeht. Vegan ist in den Regalen der meisten Läden mittlerweile eine selbstverständliche Produktsparte geworden und manchmal sogar auch ausverkauft;-) Es ist zwar ein bisschen mehr in der Gesellschaft angekommen, aber die Produktionszahlen der Fleischindustrie in Deutschland sinken nach wie vor nicht signifikant.

 

 

 

In der Veranstaltung hast du davon gesprochen, dass die LGBTT*IQ- und die Tierrechtsbewegung viel gemeinsam haben. Kannst du das kurz erläutern?

 

Kurz wird schwierig. Zu allererst muss ich ehrlicherweise sagen, dass es nicht DAS die beiden Bewegungen einende Element gibt, sondern mehrere, die jedoch nicht nur für diese beiden Bewegungen gelten, sondern sich auch bei anderen sozialen Bewegungen bzw. in den Theorien dazu wiederfinden. Vor allem werden diese Gemeinsamkeiten für mich in den Theorien zu diesen Bewegungen sichtbar.

Gemein hat die Tierbefreiungstheorie mit der Queer-Theory zum Beispiel eine ausgeprägte Kritik am Natur-Kultur-Dualismus. Dieser ist im Prinzip die Grundlage des abendländischen Denkens. Danach werden die Phänomene des Lebens in sich ausschließenden und hierarchisch zueinander stehenden Gegensatzpaaren erklärt: Mann und Frau, Schwarz und Weiß, homo- und hetero, oder eben Mensch und Tier. Daraus wird  die so genannte „soziale Konstruktion des Anderen“ abgeleitet. Dieser oder dieses Andere ist alles was nicht zur Norm weiß-männlich-hetero gehört. Durch dieses Andere werden nun verschiedenste vermeintlich unüberwindbare Grenzen zwischen den Menschen wie Lebewesen konstruiert.

Vor allem in der Queer-Theory findet sich eine recht explizite Kritik an festgezurrten und überwindbaren Normkonzepten, allen voran jener der Heterosexualität. Aus dieser Kritik an der Norm der Heterosexualität leiten einige Theoretiker_innen dann eine generelle Kritik, beispielsweise der Biologie, vermeintlich objektiv betriebener Wissenschaft und natürlich auch an der kapitalistischen Wirtschaftsweise, ab. Diese Elemente finden sich auch in der Tierbefreiungstheorie wieder. Die Queer-Theory geht im Vergleich zu anderen Gendertheorien recht weit, indem sie sich als eine Theorie für jene versteht, die von den gängigen hegemonialen Normen ausgeschlossen sind. Und tatsächlich gibt es durchaus einige Theoretiker_innen, wie zum Beispiel Judith Jack Halberstamm, die für eine Ausweitung des Queer-Begriffes auch auf Tiere argumentieren.

Dies ist für mich aus einer Human-Animal Studies-Perspektive zum Beispiel dann interessant, wenn ich verstehen will, warum konservative Stimmen immer wieder auf die Natürlichkeit des ach so heterosexuellen Tierreiches verweisen, wenn sie die Ehe, Heterosexualität oder die daraus vermeintlich automatisch bzw. “natürlich” folgende Kleinfamilie verteidigen oder anpreisen wollen. Im Tierreich gibt es bei genauerem Hinschauen eine faszinierend große Vielfalt an verschiedensten homo- , bi-  und  gewissermaßen pansexuellen Praktiken und an alternativen Familienkonzepten.

Für die beiden sozialen Bewegungen ist all das insofern interessant, als dass es in Zeiten, wo ja auch die Grenzen zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen Verhältnissen zugleich verhärten, aber auch verwischen, umso wichtiger ist, sich mit anderen sozialen Kämpfen und Lebenslagen zu solidarisieren, auch wenn mensch vielleicht nicht unmittelbar selbst davon betroffen ist.

 

 

Du lebst in Freiburg. Hast du vegane Restauranttipps?

 

Eigentlich nur einen, weil das ist eh das Beste: das El-Haso.

Auch die immer Mittwochs stattfindenden Küfas im Susi-Cafe bzw. der Kts sind oft sehr lecker, mit sehr viel Liebe und mit saisonalem Gemüse aus der Region zubereitet.

Leider ist Freiburg eine vegane Eiswüste.

 

Was kochst du am liebsten selber?

 

Am liebsten koche ich mit meinem Freiburger Kochkollektiv irgendwo draußen für eine politische Veranstaltung, eine Demo oder ein Camp. Wir kochen natürlich auch immer vegan und regional. Weil wir Brätern lieben gibt’s auch immer etwas knusprig-deliziöses wie Falafel, Bratgemüse oder Seitangeschnetzeltes.

 

Wo siehst du die Themen Veganismus und Tierrechte in 10 Jahren?

 

Ich vermute, dass sich in 10 Jahren Veganismus noch mehr in die Mitte der Gesellschaft bewegt haben wird. Allerdings, wird er dann auch zunehmend mit anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Schieflagen verbunden sein. Ironischer Weise hat der Chef von Rügenwalder Christian Rauffus schon 2014 vorausgesagt, dass Wurst die Zigarette der Zukunft wird. Ich denke da ist was dran. Schon jetzt sieht es so aus, dass Veganismus vor allem ein Lebensstil für die Oberschicht, beziehungsweise Menschen mit einem hohen Bildungsgrad ist. Ich denke am Veganismus wird sich zunehmend andere gesellschaftliche Konfliktfelder wie ethnische Unterschiede oder die Klassenfrage durchdeklinieren. Sprich: zum Beispiel für Menschen mit Bildung und/ oder Geld wird es zunehmend normal sich fleischfrei oder überwiegend fleischfrei zu ernähren. Damit Menschen mit weniger Geld und Bildung nicht, wie jetzt auch schon, über die Ernährung abgehängt werden, ist es wichtig von verschiedenen Seiten dagegen zu arbeiten.

Für mich war Veganismus nie eine Frage des Geldes. Im Gegenteil es ist eigentlich billiger, wenn mensch nicht von morgens bis abends Fleischersatzprodukte und oder sogenanntes Superfood isst. Spannend ist im Zusammenhang mit der Klassenfrage tatsächlich wie weit in 10 Jahren die Forschung zum Invitro-Fleisch sein wird. Da befürchte ich, dass es dann für die „Armen“ Fleisch aus der Petrischale gibt, und wer kann, sich dann „echtes“ eventuell „glückliches“ Fleisch leistet.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es in 10 Jahren eine CO²-Abgabe auf tierliche Produkte geben wird. Allerdings wird es dabei, wie das beim Emissionshandel ja auch der Fall war, nicht wirklich um das klimafreundliche Beeinflussen des Marktes, oder gar das Minimieren von Tierleid gehen, sondern darum, die Folgen des Klimawandels finanziell abzumildern und so eine schon seit Jahren komplett fehlgeleitet Energie- und Ressourcenpolitik zu kompensieren. Ich vermute daher, dass sich auch die Massentierhaltung weiter entwickeln wird und effizienter und wenn es sein muss auch klimaneutraler sein wird.

Gleichzeitig kann ich mir auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene vorstellen, dass sich zu einigen Tieren das Verhältnis ändern wird und ihnen beispielsweise mehr Persönlichkeit und Subjektivität zugeschrieben wird. Ich vermute also auch in 10 Jahren wird der Kapitalismus noch nicht verschwunden sein und somit  werden die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse weiterhin aufs engste verzahnt mit der Frage bleiben wie wir leben, wirtschaften und von welchen ethischen Prinzipien wir dabei geleitet werden. Insofern werden Tierrechte und Veganismus weiter ein Thema sein. Vegane Alternativen wie Bio-vegane Landwirtschaft werden sich dann ja auch zum Glück weiterentwickelt haben.

 

 

[1]          Schon seit einigen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten wird in der Tierbefreiungsszene Sprachpolitik betrieben, in dem Begriffe, die Teil unserer „normalen“ Mensch- Tier-Verhältnisses sind, entweder verändert oder ganz durch neue Wortschöpfungen ersetzt werden. „Tierlich“ meint im Grunde zwar das Gleiche wie „tierisch“. Jedoch ist dieser Begriff auf Grund der Endung -isch abwertend konnotiert. Mit „tierlich“ soll hingegen versucht werden, ein positivies Gegenstück zu diesem Begriff zu schaffen.

 

 

 

Swetlana Hildebrandt ist Diplom-Politologin und Gründungsmitglied des Chimaira Arbeitskreises.

Sie widmet sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit vornehmlich der Synthese der Gebiete Human-Animal Studies, Gender/Queer und Postcolonial Studies.

Sie ist seit mehreren Jahren in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv und begleitet diese mit theoretischen Reflexionen.

Sie lebt und arbeitet derzeit in Freiburg.

 

Das Projekt »Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies« hat noch ein weiteres interessantes Buch veröffentlicht mit dem Titel "Das Handeln der Tiere".  Dies ist inzwischen das 3. Sammelband des Arbeitskreises. 

Bestellbar hier: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3226-2/das-handeln-der-tiere

 

Fotocredit: Transcript Verlag, Swetlana Hildebrandt 

 

Disclaimer: The opinions expressed in this interview are prepared to the interviewee’s and the interviewer’s best capacity and do not necessarily reflect the views and opinions of The Vegan Rainbow Project itself. Please also not that people change and so do their opinions. We kindly ask you to be mindful of that when reading past articles and/ or statements that are referenced in this interview.

 

 

 

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